Im Moment. Wie der Buddhismus die Zeit begreift

Im Moment. Wie der Buddhismus die Zeit begreift

Wenn Sie anfangen, diese Zeilen zu lesen, bin ich da: der Moment, in dem Sie diese Zeilen lesen. Der Moment, in dem Sie angefangen haben diese Zeilen zu lesen, ist schon vorbei, denn Sie sind schon am Ende des zweiten Satzes angelangt. Nun müssen Sie mit diesem Moment, mit mir, Vorlieb nehmen. Eigentlich gibt es mich gar nicht. Jedenfalls nicht so, dass man sagen könnte, ich hätte ein eigenes Sein. In Ihrem Bewusstsein existiere ich nur in Abhängigkeit von vielem anderen. Zum Beispiel von dem Bildschirm vor Ihrem Kopf. Und von den Worten, die der Autor diesem Text gegeben hat. Vor allem aber bin ich von Ihnen abhängig. Denn würden Sie nicht gerade lesen, gäbe es mich gar nicht. Den Moment, in dem Sie diese Zeilen lesen, gibt es nur, weil Sie diese Zeilen lesen. Hören Sie auf zu lesen, bin ich vorüber. Und das geht nicht nur mir so. Alle Momente, die es gibt, sind abhängig von vielen Dingen. Und es gibt sie nur in dieser Abhängigkeit.
Diese Erkenntnis resultiert aus einer grundlegenden buddhistischen Lehre. Man nennt sie: Lehre vom Entstehen in gegenseitiger Abhängigkeit. Sie ist der Schlüssel um zu verstehen, wie der Buddhismus Zeit begreift. Demnach existiert nichts einfach für sich selbst. Alles ist, was es ist, nur bezogen auf das, was es nicht ist. Denn Zeit gibt es, wie alle Momente, aus buddhistischer Perspektive nur in Abhängigkeit vom Sein. Und umgekehrt: Sein gibt es nur in Abhängigkeit von der Zeit. Auch die Dinge, von denen ich als Moment der Zeit abhänge, also Bildschirm, Computer oder auch Sie, sind wiederum von Zeit-Momenten bedingt. Zum Beispiel vom Moment ihres Entstehens. Der Bildschirm, in den Sie schauen, hängt von dem Moment ab, in dem er gebaut wurde. Sie als Leser gibt es nur, weil es den Moment Ihrer Geburt gab. Wir bedingen uns gegenseitig. Ich bin, weil Sie sind. Sie sind, weil ich bin. Jetzt. Gäbe es mich nicht, diesen Moment, gäbe es auch kein Sie. Denn es kann Sie nur in einem Moment geben. Das ist die Konsequenz, die im Buddhismus aus der Lehre des Entstehens in gegenseitiger Abhängigkeit gezogen wird.

Kreislauf der Zeit
Sie werden vielleicht denken, dieser Text bewegt sich im Kreis. So ist es. Und dieses Kreisdenken ist typisch für den Buddhismus. Buddhistisches Denken ist zyklisch: Zeit hat weder Anfang noch Ende. Sie ist kreisförmig. Wechsel und Veränderung sind selbst das Beständige. Alles entsteht und vergeht, unaufhörlich, eine Welt nach der anderen. Innerhalb dieses Denkens in langen Zeiträumen findet der Mensch seinen Platz und seine Zeit. In dieser hat er die Möglichkeit den Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt zu durchbrechen, Befreiung zu erlangen und in die Zeitlosigkeit einzugehen.

Fragen über Zeit
Der Moment ist jetzt. Der Moment, in dem Sie diese Zeilen lesen. Dieser Moment ist viel wichtiger als alles Spekulieren über die Frage, was Zeit eigentlich sei. Dieser Ansicht war schon der historische Buddha Shakyamuni (ca. 450–370 v.u.Z.). Der Überlieferung nach kam einmal ein Mönch zu ihm mit allerlei Fragen: Ist die Welt ewig oder nicht? Ist die Welt endlich oder nicht? Sind Leib und Seele dasselbe oder nicht? Der Buddha antwortete mit dem Gleichnis vom Pfeilverwundeten: Wer von einem vergifteten Pfeil getroffen ist, soll den Pfeil herausziehen und nicht fragen, wer den Pfeil abgeschossen hat oder aus welchem Holz er gemacht ist. Dies sei nicht zweckdienlich, um vom Zustand des Leidens zur Befreiung vom Leiden zu kommen. Der Mönch soll stattdessen darauf achten, was der Buddha erklärt hat: was Leiden ist, wie es entsteht, wie es aufgehoben wird und welcher Weg zur Aufhebung des Leidens führt.
Diesen im Buddhismus sogenannten vier edlen Wahrheiten zufolge ist letztlich alles leidvoll, was vergänglich ist. Genauer: Das Anhaften an Vergänglichem führt zum Leiden. Und da alles vergänglich ist, gilt es an nichts anzuhaften. Der Mensch soll dem Bedürfnis nach Beständigem nicht freien Lauf lassen, sondern es überwinden. Statt sich ihm entgegenzustemmen, gilt es, sich dem Strom von Werden und Vergehen hinzugeben. Im Buddhismus geht es deshalb um Übung mittels Meditation, um das Schulen des Bewusstseins. Und alle Gedanken über die Zeit sind aus der Praxis erwachsene, versprachlichte – und damit verzeitlichte – Erfahrungen der Bewusstseinsschulung.

Nāgārjuna zur Zeit
Die Lehre des Entstehens in gegenseitiger Abhängigkeit spielt insbesondere in der Philosophie des Nāgārjuna (2./3. Jhd. n.u.Z.) eine Rolle, einem der großen Denker des Mahāyāna-Buddhismus. Nach ihm ist die Wirklichkeit ein Netz von Erscheinungen. Zeit verläuft nicht in eine Richtung, sondern alle zeitlichen Phänomene hängen voneinander ab. Jede Wirkung wird zu einer Ursache. Die Zeit durchdringt alles und gestaltet die Dinge um. Sie selbst ist ewig und ohne Anfang, denn jeder Anfang setzt Zeit voraus. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bedingen einander gegenseitig. Was heißt das? Das Weltgeschehen, das uns im Alltag zeitlich nacheinander erscheint, ist von einer anderen Perspektive aus gleichzeitig. Normalerweise denken Sie: Die Zeit ist vorbei. Doch die Zeit ist nicht vorbei, sie ist anders. Der Moment, an dem sie angefangen haben, diese Zeilen zu lesen, ist nicht vorbei, sondern er ist anders zugänglich; eben durch den jetzigen Moment. Die Vergangenheit ist, was sie ist, in Abhängigkeit von der Gegenwart. Als die Vergangenheit war, war die Gegenwart schon präsent, nur anders. Ebenso ist die Zukunft von den Bedingungen in der Gegenwart abhängig. Wenn die Zukunft angebrochen ist, wird die Gegenwart nicht vergangen sein. Nur Ihre Perspektive auf sie ist anders. Sie kennen das: Die erlebten Erfahrungen in der Vergangenheit prägen Ihre Gegenwart und mit allen Ereignissen, die Sie in Zukunft erleben werden, entsteht eine neuer Blick auf Ihre Vergangenheit. Alle Ereignisse durchdringen sich und sind voneinander abhängig. Deshalb – so Nāgārjuna – ist Zeit nicht ein Maß für Veränderung, das aufeinander folgende Ereignisse beschreibt, sondern der gegenwärtige Augenblick vollkommener Wachheit, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenfallen. Nur wenigen ist das alles im Alltag bewusst. Deshalb üben Buddhisten viel, um ihr Bewusstsein zu schärfen.

Leerzeit
Die Erfahrung eines erwachten Bewusstseins nennen Buddhisten Nirvana. Nāgārjuna beschreibt dies so: Das Nirvana ist nicht ein Ort, zu dem man gelangen könnte, sondern der Ausgangszustand, der in der buddhistischen Erfahrung des Erwachens lediglich erkannt wird. In einer Perspektive nimmt man die Vielgestaltigkeit der Dinge wahr, in einer anderen die Zeit. Beide Perspektiven gilt es zu überschreiten, um den Kreislauf zu durchbrechen: Nirvana – Aufhören des Wehens der Vergänglichkeit. Ein Zustand des Nicht-Anhaftens an Vergänglichem. Nāgārjuna sagt: In diesem Zustand sind alle Dinge leer. Der Sanskrit-Begriff für diese Leerheit ist Śūnyatā. Was meint das? Auch ich, der Moment, in dem Sie diese Zeilen lesen, bin eigentlich leer. Es gibt mich nicht wesenhaft, sondern nur in Abhängigkeit von anderem. Ich habe kein absolutes Sein. Ich bin kein Etwas. Ich kann nicht schreiben oder zu Ihnen sprechen. Sie lesen gerade dieses Geschriebene. Dadurch sind Sie mit mir verbunden. Dadurch bin ich. Doch auch Sie sind eigentlich leer. Alles an Ihnen ist unbeständig. Dass Sie unveränderlich dasselbe sind, spielt Ihnen Ihr Bewusstsein vor. Sie und ich sind beide kein Ich, sondern nur das Vollziehen des Lesens dieser Zeilen. Leere bedeutet also nicht, dass nichts ist, sondern, dass nichts absolut ist. Nichts ist aus sich selbst, unabhängig von anderem. Alles ist leer. Nichts ist wesenhaft. Alles ist Zeit und Zeit ist leer. Zeit ist Vollzug. Denn ich bin voll da. Jetzt. In diesem Augenblick.

Dôgens Sein-Zeit
Sie werden vielleicht denken, die Gedanken wiederholen sich. So ist es. Das Phänomen, das Sie als Leser und ich als der Moment, in dem Sie diese Zeilen lesen, gerade durchleben, ist ausschlaggebend für das buddhistische Verständnis von Zeit. Der japanische Zen-Meister Dôgen (1200–1253) drückt das bereits Gedachte anders aus. Sein Konzept der Sein-Zeit (japanisch: uji) gilt als Paradebeispiel buddhistischer Zeitvorstellungen. Es findet sich in seinem Hauptwerk namens Shōbōgenzō. Das bedeutet soviel wie „Schatzkammer der Erkenntnis“. Es ist eine Sammlung von Predigten und Essays. Im Abschnitt Uji – zu Deutsch: Sein-Zeit – widmet er sich der Problematik der Zeit. Dôgen beschreibt die Differenz von Sein (jap. u) und Zeit (jap. ji) als Einheit. Beide Begriffe benennen unterschiedene Aspekte der einen Wirklichkeit: uji, Sein-Zeit. Dôgens Ausgangsproblem ist die Frage, warum man sich durch geistliche Übungen um das Erlangen der Erleuchtung bemühen solle, wenn doch – nach Überzeugung des Mahāyāna-Buddhismus – alle Wesen bereits erleuchtet sind. Was zunächst nach theoretischer und abstrakter Philosophie klingt, ist eine buddhistische Predigt, ein Lehrtext. Dôgen will die Wirklichkeit in buddhistischer Weise so beschreiben, dass daraus ganz konkrete Handlungsaufforderungen für das Leben der Hörer bzw. Leser abgeleitet werden können. Es geht ihm um das Üben im Alltag, die richtige Lebensweise. Für ihn ist der Alltag der Weg, Buddhas Lehre zu verwirklichen. Auch in dem Moment, in dem Sie diese Zeilen gelesen haben.

 

Literatur

  • Baatz, Ursula: Zeit im Buddhismus. In: Chvojka, Erhard/Schwarcz, Andreas/Thien, Klaus (Hg.): Zeit und Geschichte. Kulturgeschichtliche Perspektiven, Wien/München 2002, S. 154–161.
  • Brück, Michael von: Identität und Zeitfluß – Buddhistische Wirklichkeitskonstruktionen. In: Schweidler, Walter (Hg.): Wiedergeburt und kulturelles Erbe, Sankt Augustin 2001, S. 197–219.
  • Brück, Michael von: Wo endet Zeit? Erfahrungen zeitloser Gleichzeitigkeit in der Mystik der Weltreligionen. In: Weis, Kurt (Hg.): Was ist Zeit? Zeit und Verantwortung in Wissenschaft, Technik und Religion, München 1995, S. 207–262.
  • Dôgen Zenji: Shôbôgenzô, Der Schatz des wahren Dharma, Gesamtausgabe, Frankfurt 2008.
  • Elberfeld, Rolf: Phänomenologie der Zeit im Buddhismus, Stuttgart-Bad Cannstatt 2004.
  • Laube, Johannes: Zen-Meister Dōgen (1200–1253): seine Bedeutung für das zeitgenössische und für das moderne Japan. In: Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft, 1987, Ausgabe 2, S. 121–136.
  • Lenz, Hans: Universalgeschichte der Zeit, Wiesbaden 2013.
  • Mohn, Jürgen: Komparatistik als Position und Gegenstand der Religionswissenschaft. Anmerkungen zum religionswissenschaftlichen Vergleich anhand der Problematik einer Komparatistik des Zeitverständnisses im Christentum (Augustinus) und im Buddhismus (Dōgen). In: Bernhardt, Reinhold/Stosch, Klaus von: Komparative Theologie. Interreligiöse Vergleiche als Weg der Religionstheologie, Zürich 2009, S. 225–276.

© derRedner 08|2016

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