Über Geschenke und andere Sorgen – Gedanken zur Adventszeit

Über Geschenke und andere Sorgen – Gedanken zur Adventszeit

Kannst du dich noch erinnern? An früher? Als du noch klein warst? An Weihnachten in deiner Kindheit? Wie war das da? Ich kann mich nur noch dunkel erinnern. Ich weiß noch, dass ich jede Menge geschenkt bekam. Zum Beispiel eine Schreibmaschine – für Kinder. Die war aus Plastik und hatte rote Tasten. So etwas hatte ich mir gewünscht, als Kind wollte ich nämlich Schriftsteller werden. Sonst kann ich mich nicht mehr an alle Geschenke im Einzelnen erinnern. Aber ich weiß noch, dass Weihnachten echt toll war. Wir hatten einen Tannenbaum mit echten roten Kerzen, die mit Streichhölzern angezündet wurden. Da ging auch manchmal was daneben und es gab einen Brandfleck auf dem Teppichboden im Wohnzimmer. Und ich weiß noch, dass mich alle lieb hatten. Meine Eltern, meine Großeltern, meine Onkels, Tanten und meine Geschwister. Als Kind habe ich mich einfach riesig gefreut, dass alle da waren. Da war richtig was los. Überall Geschenkpapier. Naja, und wenn es eben sein musste, dann hab ich auch so ein blödes Weihnachtsgedicht aufgesagt. Das wollten die Erwachsenen doch immer hören, damit sie in Weihnachtsstimmung kommen. Und ich konnte doch kaum abwarten, bis es endlich Geschenke gab.
Heute ist das ganz anders. Ich bin erwachsen. Ich habe Geduld gelernt. Ich bin nicht mehr so verrückt auf Geschenke wie als Kind. Warum auch? Wenn ich heute etwas haben möchte, dann muss ich gar nicht mehr monatelang bei meinen Eltern betteln und meine Wünsche vortragen. Ich kaufe mir einfach, was ich brauche von meinem im Beruf verdienten Geld. Und da darf es gern auch das neueste Produkt auf dem Markt sein. Da kann die Kinder-Schreibmaschine von damals bei weitem nicht mithalten. Eigentlich brauche ich auch gar keine Geschenke mehr – denke ich manchmal. Ich hab doch schon alles, meine ich dann. Und wenn andere mich fragen, was sie mir schenken können, dann muss ich lange grübeln bis mir endlich etwas einfällt. Als Kind hätte ich so wahrscheinlich nie gedacht. Irgendetwas scheint mir da verloren gegangen zu sein.
Heute ist auch alles irgendwie viel komplizierter an Weihnachten. Die ganze Familie ist anders. Meine Großeltern und mein Onkel sind schon gar nicht mehr am Leben. Sie sind gar nicht mehr da an Weihnachten. Überhaupt: Viele Menschen haben jemanden verloren, mit dem sie gern Weihnachten feiern würden. „Schöne“ Bescherung! Da möchte man Weihnachten am liebsten ausfallen lassen. Vielleicht ist ja Weihnachten gar nicht das Familienfest – wie immer behauptet wird.
Weihnachten ist auch komplizierter, weil die Beziehungen in der Familie sich im Lauf des Lebens verändert haben. Manche Familienmitglieder sieht man monatelang nicht. Kein Wunder, dass es viel schwieriger ist das passende Geschenk für alle auszusuchen. Im Zweifel schenkt man dann vielleicht doch lieber Geld oder einen Gutschein. „Kauf dir was Schönes“ oder „Such dir selbst was aus“ heißt es dann. So gehen wir Erwachsenen dann mit den Änderungen des Lebens um. Jeder weiß, dass die Geschenke ein Ausdruck der Beziehung untereinander sind. Das passende Geschenk zu finden ist deshalb eine schwierige Kunst. Und manchmal versuchen wir Menschen mit den Geld- und Gutschein-Geschenken dieser anstrengenden Kunst aus dem Weg zu gehen. Die Bescherung an Weihnachten wird deshalb vielleicht sogar zu einer Art Tauschveranstaltung. Man schiebt den Warenwert der Geschenke lediglich hin und her. Manch einer plädiert unter diesen Bedingungen auch dafür, die Schenkerei dann gleich ganz ausfallen zu lassen. Ich selbst finde mich bei solchen Gedanken auch immer mal wieder. Aber ist das wirklich Weihnachten? Feiern wir denn, dass wir so viele Waren haben, dass wir sie untereinander tauschen können?
Mir geht es nicht darum, den Konsum-Kapitalismus an Weihnachten zu kritisieren. Nein, ich habe nichts gegen volle Geschäfte und klingende Kassen. Und ich habe nichts gegen Weihnachtsgeschenke – ganz im Gegenteil. Aber wer erinnert sich noch an Weihnachten, als er oder sie Kind war? Für mich war Weihnachten anders als heute. Die Kindlichkeit ist mir verloren gegangen. Und manchmal würde ich sie gern wiederfinden. Und einfach mal wieder Weihnachten feiern wie damals. Einfach freuen, dass alle da sind. Einfach mal wieder Geschenke dankbar entgegennehmen. Mich einfach darüber freuen, dass mich alle lieb haben; dass mal wieder richtig was los ist. Einfach mal wieder Kind sein. Man sagt ja auch manchmal, Weihnachten sei ein Fest für die Kinder. Das glaube ich nicht. Ich glaube, Weihnachten ist ein Fest für die Erwachsenen. Das Fest soll uns daran erinnern, dass wir einmal Kinder waren – und vor Gott auch immer noch sind.
Es ist sicherlich kein Zufall, dass an Weihnachten des geschenkten Gottes in Gestalt eines Kindes gedacht wird. Gott, der als Kind in die Welt kommt. Schon im biblischen Bericht über die Geburt Christi erhält das Kind Geschenke von den Weisen aus dem Morgenland: „Als sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.“ (Mt 2,10–11) Dieses Kind ist ein beschenktes. Eines, das alles – ohne Ausnahme alles – empfangen hat. Ein Kind wie du und ich, die wir jeden Tag Geschenke bekommen, ohne dass wir welche verdient hätten oder uns welche zustehen würden. Eigentlich sind das doch die richtigen Geschenke. Die, die wir nicht erwarten. Die, mit denen wir nicht rechnen können. Die, auf die wir gar nicht vorbereitet sind. Die, bei denen wir sprachlos dastehen und staunen. Was die Welt so alles für uns bereit hält …
Als Erwachsene fällt uns das manchmal schwer, uns wirklich, ganz ernsthaft, beschenken zu lassen. Vielleicht sind wir sogar peinlich berührt, weil wir kein Gegengeschenk parat haben. Das würde sich aus Erwachsenen-Sicht ja so „gehören“. Die Fähigkeit, einfach mal ein Geschenk anzunehmen ohne sofort an eine Gegenleistung zu denken, ist manch einem abhanden gekommen – Kindheit verlorengegangen. Aber vielleicht kannst du dich noch erinnern? An früher? Als du noch klein warst? Wie viele Geschenke hast du seitdem bekommen?

© derRedner 12|2016

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